Homeoffice

07.06.2020

Corona hat gezeigt, es bietet Chancen.

Die jüngste Pandemie hat für allerhand Turbulenzen in der Arbeitswelt gesorgt. Neben vielen drastischen Einschnitten hat sich aber auch ein Gutes gezeigt, Homeoffice bewährt sich. Um Ansteckungsrisiken zu minimieren, wurden mehr Mitarbeiter zwangs-outgesourced. Die Behörden und Dienstleister blieben dadurch handlungsfähig. Das wird auch in Zukunft bedeutsam sein. COVID-19 war weder der erste noch der letzte Virus, der zu Einschränkungen führt. Zudem kristallisieren sich weitere Vorteile heraus. Allein die Arbeitszeit betrachtet darf man feststellen: zuhause fallen Pausen kürzer aus und längere Pausen mit Abwesenheit werden von der Zeiterfassung ausgeloggt. Flurgespräche; Kaffeepausen oder Meetings entfallen gänzlich. Fernkonferenzen bleiben auf das Wesentliche begrenzt. Selbst die CDU-Kreisvorsitzenden-Konferenz fiel spürbar kürzer aus, was nicht an mangelnden Themen lag. Schriftverkehr benötigt nicht mehrere Postläufe, sondern erfolgt Online in einer Arbeitsmappe. Die produktive Arbeitszeit dürfte demnach sogar höher sein als an Amts oder Büros Stelle.

Losgelöst von der Quantität ergeben sich weitere Vorteile. Die mangels Arbeitsweg gesparten Zeit und Fahrtkosten münzen direkt in gewonnene Lebensqualität. Das bei deutlich geringer Laufleistung des privaten PKW zudem noch jährlich ein Werkstattbesuch ausbleibt, freut das Gleitzeit- und Bankkonto ebenso. Vertrauen, Flexibilität und Ersparnis erhöhen die Mitarbeiterzufriedenheit. Bei konsequenter Durchsetzung darf der Arbeitgeber auf ein noch viel größeres Sparpotenzial hoffen. Bspw. 50% Homeoffice bedeutet 50% weniger Handys, Wasserkocher, Toilettenspülungen usw. Teilweise könnten ganze Gebäudeeinheiten gespart werden, die jährlich sechsstellige Unterhaltskosten abverlangen. Sollte für Meetings, Kundenbesprechungen o. s. vorübergehender Raum nötig werden, hält die Wirtschaft zunehmend Konferenz- und Co-Working Räume parat. Diese sind stündlich mietbar und allemal günstiger, als einen großen Besprechungsraum im Firmengebäude sechs Tage die Woche leer stehen zu lassen. Eine win-win-Situation also.

Ganz so einfach wird es wohl nicht. Was vorübergehend mal in Ordnung geht, dürfte auf Dauer angelegt einiges an Veränderung mit sich bringen. Datenschutz, Arbeitsschutz, gesunder Arbeitsplatz etc. Der Arbeitgeber wird durch Homeoffice nicht automatisch von seinen Pflichten befreit. Und auch der Nutzer müsste bei ständiger Heimarbeit neben leichter und papierloser Arbeit auch zunehmend Unterlagen mit nach Hause nehmen. Wer im Büro schon kaum Ordnung halten kann, dem dürfte zu Hause schnell das Chaos einholen. Viele dürften Homeoffice aus persönlichen Gründen sogar ablehnen. Zunächst muss die Familie mitspielen. Auch hat nicht jeder zu Hause einen geeigneten Arbeitsplatz und nicht jeder hat es unbequem weit. Manch einer ist froh über die zwanzigminütige Radsporteinheit morgens und abends auf dem Arbeits- bzw. Heimweg. Nicht zuletzt sind die sozialen Kontakte zu Kollegen nicht zu unterschätzen.

Auch die Managerebene muss sich erst umstellen. Die ohnehin überholte direktive Führung hätte ausgedient. Die Kommunikation bedarf technische und insbesondere pädagogische Kenntnisse. Mitarbeiterbindung und Identität zum Job müssen gefördert werden. Nicht jeder wird das mittragen. Ältere reagieren sensibel auf Veränderungen bei Technik, Kommunikation, Kontrolle und Führungsstilen. Die Zulassungen, Fortbildungen und Umsetzungen dürften in Unternehmen für Unmut sorgen.

Früher oder später wird Homeoffice aber unausweichlich. Der Trend entwickelt sich nicht erst seit Corona. Die Wirtschaft wird stetig digitaler. Auch der Gesetzgeber verlangt dies zunehmend, bspw. im Steuerrecht. Dass die durch Digitalisierung neu entstehenden Kosten an anderer Stelle eingespart werden müssen, ist denklogisch. Größtes Potenzial haben hier die teuren Liegenschaften, die zu Zeiten von Wohnraumknappheit sicher umgehend andere Nutzer finden dürften. Verwaltungskosten sparen und zugleich Mietraum schaffen. Aus den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte dürfte das eine politische Entscheidung werden.

Zudem beweist Corona, die Straßen und der ÖPNV sind leerer. Die positive Wirkung auf die Umwelt soll bereits jetzt messbar sein. Und in vielen Ballungsräumen wird ohne Homeoffice der Ausbau von Verkehrsanbindungen nötig, weil Berufspendler zu Stoßzeiten die Infrastruktur überlasten. Blieben die Erweiterungen von Straßen- und Schienennetzen teilweise entbehrlich, dürfte das die Länder und Kommunen überaus freuen. Modernere Verwaltung, geringeres Ansteckungsrisiko, weniger Staus, weniger Kosten, weniger Umweltbelastungen... die Gesellschaft wird es einfordern. Homeoffice wird also kommen. Nicht morgen und nicht für jeden, aber es wird sich durchsetzen. Datenschutz, Cloud Computing, Co-Working, Transformationale Führung, Investitionen in digitale Infrastruktur und ein Umdenken bei der Wohnbebauung - das alles erfordert allerdings einiges an Willen und Mut.

Blumenthal

Dieser Artikel ist in ähnlicher Fassung in der Zeitung #mitsteuern veröffentlicht.